In Ostbayern hat die AfD besonders große Erfolge bei der Bundestagswahl erzielt. In der Region kamen im Jahr 2015 täglich mehrere Tausend Flüchtlinge an. Ist das die Ursache für den Zulauf bei den Rechtspopulisten?
Deggendorf hat einen neuen Stempel aufgedrückt bekommen: AfD-Hochburg Bayerns. In keinem anderen Wahlkreis im Freistaat haben mehr Menschen der umstrittenen Partei ihre Stimme gegeben. In der Region um die niederbayerische Stadt an der Donau erreichte die AfD 19,2 Prozent der Wähler. Dass das Ergebnis so deutlich ausfallen würde, hat viele überrascht - andere dagegen überhaupt nicht. Ursachenforschung in Deggendorf.
Tag drei nach der Bundestagswahl. In einem Biergarten am Bahnhof - die Flüchtlingsunterkunft ist nur einen Steinwurf entfernt - sitzen fünf Einheimische beisammen. Weißbiergläser und Kaffeetassen stehen auf dem Tisch, die Stimmung ist freundlich-milde wie der Septembertag. Wie sie es finden, dass Deggendorf nun als AfD-Hochburg Schlagzeilen macht? Schon ist die Diskussion in vollem Gange.
"Dass gehört sauber verteilt"
"CDU und CSU müssen doch gewusst haben, dass es da kracht", sagt einer. "Das hätten die sich ausrechnen können, wenn sie etwas normal gedacht hätten." Es habe sicher niemand was dagegen, Familien aufzunehmen. "Aber warum nur das kleine Deutschland? Warum nimmt sonst in der EU niemand Flüchtlinge auf? Das gehört sauber verteilt."
In der Erstaufnahmeeinrichtung in Deggendorf, die seit dem Sommer das bayerische Transitzentrum ist, sowie in den Außenstellen in Hengersberg, Osterhofen und Stephansposching seien insgesamt rund 300 Asylbewerber untergebracht, sagt Lena Wagner von der Asylsozialberatung der Caritas. Es sollen aber voraussichtlich 1400 werden, ergänzt sie.
In dem Wahllokal nahe der Einrichtung war die Zahl der AfD-Wähler am größten. Aber nicht nur in und um Deggendorf, sondern in weiten Teilen Ostbayerns erreichte die AfD besonders viele Menschen. Auch in den Wahlkreisen Straubing, Schwandorf, Rottal-Inn und Passau erzielte die Partei Spitzenergebnisse.
Vor allem ältere Menschen haben Angst um ihre Heimat
Dass in Ostbayern die AfD so stark werden konnte, liegt nach Ansicht von Heinz-Peter Meidinger, Schulleiter am Robert-Koch-Gymnasium, auch an der Ankunft Tausender Flüchtlinge in der Region im Jahr 2015. Die Menschen hatten es hautnah miterlebt. "Die Züge waren voll mit Flüchtlingen, Tag und Nacht kamen Menschen über die Grenze." Da seien Begriffe wie "Invasion" und "Überschwemmung" aufgekommen. Das wirke wohl bis heute nach, sagt er. Gerade ältere Menschen fürchteten vielleicht, dass das, was sie unter Heimat verstehen, verloren geht.
In den Schulen in Deggendorf gebe es durch die Flüchtlingskinder keine größeren Probleme. Wichtig sei, die Kinder gleichmäßig auf die Klassen zu verteilen, um das Leistungsniveau zu halten. Und: Man müsste im Unterricht viel mehr für die politische Bildung tun, sagt Meidinger, der auch Präsident des Deutschen Lehrerverbandes ist.
Deggendorfs Landrat Christian Bernreiter (CSU) sieht in der Ankunft Tausender Flüchtlinge in der Region eine der Ursachen für den AfD-Erfolg. "Hier haben die Leute hautnah erlebt, wie die Flüchtlinge ankamen." Die Ängste seien groß, es gebe viele Menschen mit geringer Rente. "Sie haben wohl den Eindruck: "Wir kriegen nix und für die Flüchtlinge ist viel Geld da"", mutmaßt Bernreiter.
Der Caritas-Chef findet es "unerklärlich"
Fühlten sich die Menschen mit ihren täglichen Sorgen von der Politik übergangen? "Soziale Themen sind im Wahlkampf nicht so sehr im Vordergrund gestanden - gerade aber Rente und Pflege brennen den Leuten auf den Nägeln", bilanziert der CSU-Kreisvorsitzende Bernd Sibler. Auch die Stammtisch-Brüder im Biergarten sprechen von sozialen Ängsten: "Die Leute sind sauer. Das ist einfach zu viel. Wo sollen denn die Wohnungen herkommen, wenn die eigenen Leute keine Wohnung kriegen? Suchen Sie mal in Deggendorf eine Wohnung, die sie bezahlen können."
Pfarrer Franz Reitinger berichtet von einer großen Aufgeschlossenheit seiner Pfarreimitglieder gegenüber Ausländern. Die Hilfsbereitschaft sei groß. Jedoch gebe es eben viele Menschen mit einer geringen Rente. Da sei es nicht einfach, eine Wohnung zu finden. Aus Gesprächen habe er gehört, dass Frauen sich in dem Viertel abends nicht mehr auf die Straße trauten, andere meinten, Ausländer würden bevorzugt - etwa im Wartezimmer beim Arzt. "Da ist sicher ein gewisser Sozialneid da."
Das vermutet auch Caritas-Geschäftsführer Hans-Jürgen Weißenborn. Jedoch gäbe es ohne die Flüchtlinge beispielsweise ja auch nicht mehr Wohnungen. "Jetzt wird ja sogar eher in den sozialen Wohnungsbau investiert." Zudem sei in Deggendorf das Thema Migration und Flüchtlinge nicht neu. Für ihn ist der AfD-Erfolg "unerklärlich".
"Die wissen nicht, was das Volk wirklich will"
Dass das Ergebnis so hoch ausfiel, hat auch den Landrat überrascht, wie er zugibt. Er habe die AfD bei zehn Prozent gesehen. Nun sei sie in allen 26 Gemeinden zweitstärkste Kraft. Auffallend sei die gestiegene Wahlbeteiligung. 2013 habe die bei 60 Prozent gelegen, jetzt bei über 70 Prozent. "Die Unzufriedenen sind zur Wahl gegangen. Da war ein gewisser Frust da, und den haben sie ausgedrückt."
Sicherlich seien Rechtsradikale unter den AfD-Wählern, sind auch die Männer am Stammtisch überzeugt. Jedoch: Die Mehrheit habe wohl aus Protest entschieden. "Die haben gesagt: "Jetzt zeigen wir es denen und wählen mal was anderes." Wenn die eine gescheite Politik machen würden, alles sauber verteilen und erklären, dann würde es überhaupt keine Probleme geben. Die wissen nicht, was das Volk wirklich will."
(Ute Wessels, dpa)
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