Kultur

Über diese Waffe stolpert man regelrecht, wenn man die Ausstellung besucht: In Eisen gegossen, liegt sie raumgreifend auf dem Boden. Es ist eine Walther PK/90 – mit einer Pistole dieses Modells wurde einst Benno Ohnesorg erschossen. (Foto: NMN)

20.11.2015

Finstere Abgründe

Olaf Metzel hinterfragt in seinen Installationen Strukturen der Gewalt

Vor knapp zehn Jahren, im Fußballweltmeisterschaftsjahr 2006, sorgte Olaf Metzels Tribünensturz für einen handfesten Kunst-Skandal: Der Münchner Künstler und Akademieprofessor hatte damals den Schönen Brunnen auf dem Nürnberger Hauptmarkt, eine touristische Attraktion, mit schrottreifem Gestühl aus dem Berliner Olympiastadion meterhoch ummantelt – nach Ansicht kunstfeindlicher Fußballfans aber eher verschandelt. Das Kunstwerk musste zum Schutz vor dem Vandalismus der Hooligans umzäunt werden, obwohl es doch eigentlich nur deren Gewalt anprangerte. Jetzt kehrt Olaf Metzel mit einer nicht minder provozierenden Ausstellung nach Nürnberg zurück: Deutsche Kiste nennen sich seine zwölf raumgreifenden Installationen im Staatsmuseum für moderne Kunst. Sie führen die Strukturen staatlicher wie öffentlicher Gewalt drastisch vor Augen. Mit der sperrig betitelten Arbeit In einer öffentlichen Halle ist nie ein Mensch zum Fegen da, zitiert Metzel den von ihm geschätzten Schriftsteller Ernst Jünger, der freilich selbst die Gewalt, zum Beispiel in seinen Stahlgewittern, verherrlichte. Zugleich spielt der Künstler mit dieser Arbeit auf seinen Nürnberger Tribünensturz an, wenn er wiederum Sitzschalen aus einem Fußballstadion, Absperrungsgitter und Trittbleche chaotisch aufeinander türmt. Eine Skulptur, die gleichsam die Zerstörungswut von Hooligans symbolisiert, die nach einem Fußballspiel ein Stadion zerlegen.

Karren an die Wand

Metzels Arbeiten zielen aber auch auf das Gewaltmonopol des Staates: Noch bevor er die Ausstellungshalle betritt, solpert der Besucher förmlich über eine überdimensionale, in Eisen gegossene Polizeipistole vom Typ Walther PK/90, eine Waffe, mit der bei den Berliner Demonstrationen gegen den Schah-Besuch 1967 der Student Benno Ohnesorg erschossen wurde, was letztlich die Revolte der 68er Jahre auslöste. Aber es geht Metzel nicht nur um die äußere, handgreifliche Gewalt, sondern um strukturelle Gewalt: So bringt eine akustische Dolby-Surround-Installation mit ohrenbetäubendem Geräusch einen Crash-Test zu Gehör, mit dem Autofirmen ihre Karren buchstäblich vor die Wand fahren; was nicht nur das Blech, sondern im doppeldeutigen Sinne, auch die Firma zerstören kann, mit verheerenden Folgen für die ganze Gesellschaft. Wenn Olaf Metzel seine Deutsche Kiste auspackt und die deutsche Geschichte befragt, geht es um Kopf und Kragen: In Beton gegossen, entpuppt sich die titelgebende Arbeit Deutsche Kiste als ein ineinander verschachteltes Gehäuse, das zwar zerborsten ist wie der gesprengte „Führer-Bunker“, aber in seinem finsteren Inneren, in Schrunden und Abgründen, immer noch das Unheil bewahrt. (Fridrich J. Bröder) Bis 14. Februar. Neues Museum – Staatliches Museum für Kunst und Design, Klarissenplatz, 90402 Nürnberg. Di. bis So. 10 – 18 Uhr, Do. bis 20 Uhr. www.nmn.de

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