Landtag

Sabine Gross (SPD). (Foto: Hartmann)

04.04.2025

Meisterköchin und Stimme der Mieter

Im Porträt: Sabine Gross (60), SPD-Landtagsabgeordnete aus Kronach

Mit dem Kochen ist das so eine Sache: Für die einen ist es schlicht eine Notwendigkeit, für die anderen eine Kunst und eines der schönsten Hobbys überhaupt. Sabine Gross gehört zu Letzteren. „Zum Entspannen gehe ich gerne in die Küche“, sagt die 60-jährige Kronacher SPD-Landtagsabgeordnete. „Ich probiere gern auch etwas ganz Neues“, betont die Oberfränkin. Am liebsten bereitet sie Schmorgerichte zu, aber auch traditionelle Gerichte. „Beim Tag der Franken 2024 in Wunsiedel habe ich ein ganz leckeres Brauergulasch gegessen, das musste ich zu Hause direkt nachkochen.“ Wenn es nicht beim ersten Mal mit einem Gericht klappt, lässt sie nicht locker.

Hartnäckig war sie schon immer – als Rechtsanwältin und vor allem als Stimme der Mieterinnen und Mieter muss sie das auch sein. Sie ist stellvertretende Vorsitzende und Justiziarin des Mietervereins Kronach. „Oft kommen die Menschen wegen wenig spektakulären Dingen wie der Betriebskostenabrechnung.“ Doch manche Fälle ließen auch sie als erfahrene Anwältin nicht kalt. Etwa, was in den Jahren nach dem Verkauf der kommunalen Kronacher KWG-Wohnungen 2012 durch die Stadt an einen privaten Investor geschah. Bei vielen Wohnungen habe der Käufer die Fassade energetisch saniert. „Dann mussten langjährige Mieter innerhalb kürzester Zeit eine um gut zwei Drittel höhere Miete bezahlen“, erzählt Gross, die damals viele Betroffene beriet. „Das war schlimm. Da waren ältere Leute, die ihr Auto verkaufen mussten, um irgendwie noch die Miete bezahlen zu können“, erinnert sich die SPDlerin und fügt hinzu: „Bei uns in der Region braucht man ein Auto. Hier fährt oft kein Bus.“

Gross ließ nicht locker. Der Mieterverein ging gegen die massiven Mieterhöhungen und fehlerhafte Betriebskosten vor und machte dem Investor das Leben schwer. Schließlich verkaufte das Unternehmen die gut 600 Wohnungen Jahre später wieder zurück an den Landkreis. „Dafür habe ich mich sehr engagiert.“ Doch Gross konnte nicht vergessen, wie es vielen Mietern erging. „Damals wurde mir klar, wenn ich da etwas bewegen will, reicht es nicht, nur in einem kommunalen Gremium zu sein.“ Deshalb entschied sie sich 2022, für den Landtag zu kandidieren

Oft führt der Weg zu einem Mandat bei der SPD über eine frühe Mitgliedschaft bei den Jusos und mehrere Jahrzehnte lange Parteiarbeit mit viel Hinterzimmerdiplomatie. Nicht so bei Gross – sie habe sich wegen des damals beginnenden Aufstiegs der AfD Sorgen um die Demokratie gemacht, sagt sie. Allerdings war sie bereits als 14-Jährige an Politik interessiert.

Die Oberfränkin stammt aus einer politisch links sozialisierten Familie. Ihr Großvater war Sozialdemokrat, der Uropa Kommunist. Der habe mit seiner Frau Flugblätter gegen die Nazis verteilt. „Wer Hitler wählt, wählt den Tod“, stand darauf. Das NS-Regime verurteilte ihre Urgroßeltern zur Festungshaft, während deren Kinder laut Gross allein zu Hause zurückblieben.

„Der heute weltweit grassierende Rechtsruck macht mir große Sorgen“, erklärt Gross. Die USA sei längst eine „Borderline-Demokratie“. Auch hier wüssten viele die Freiheit, die sie genießen, nicht zu schätzen. „Inklusion von Behinderten, Antirassismus, Feminismus – viel Erreichtes steht auf dem Spiel.“ Mit Blick auf die AfD sagt sie: „Manche glauben, es gebe keine Meinungsfreiheit, weil sie nicht mehr Zigeunerschnitzel sagen dürfen. Ich kann doch auch Paprikaschnitzel sagen, wenn das andere Wort eine Beleidigung ist, statt dafür die Demokratie aufzugeben.“ Tatsächlich ist es laut Umfragen vor allem die Migrationspolitik der GroKo unter Merkel sowie der Ampel unter Scholz, welche die AfD groß gemacht hat.

Im Landtag grüßt Gross die AfD-Kollegen zwar freundlich, lehnt jedoch jegliche Zusammenarbeit mit der Partei strikt ab. Sie sitzt als einzige Sozialdemokratin im Ausschuss für Wohnen, Bau und Verkehr. Wenig überraschend: „Das war mein Wunschausschuss.“ Neben dem Wohnungsbau liegt ihr die Verkehrspolitik am Herzen. „Gerade auf dem Land ist ein Mobilitätskonzept und der Ausbau des ÖPNV von zentraler Bedeutung.“

Frauenpolitik ist ihr wichtig

Sie sagt, mit dem Ausschussvorsitzenden Jürgen Baumgärtner (CSU) pflege sie ein gutes Verhältnis. Der Umgang in diesem Gremium sei „sehr fair“. Inhaltlich geht sie die Staatsregierung aber hart an: „Wir haben keinen Wohnraummangel, wir haben eine Wohnungsnot“, schimpft Gross. Insbesondere im Großraum München seien die Mieten „extrem“. Viele Alleinerziehende etwa könnten sich die Mieten längst nicht mehr leisten. Sie verweist darauf, dass laut der Pestel-Studie in Bayern 200 000 Sozialwohnungen fehlen. „Wir müssen deutlich mehr Wohnungen bauen“, fordert die Kronacherin. Ein ums andere Mal setzte die SPD bei Wahlen in Bayern auf das Thema Wohnungsnot. „Leider wurde das Thema bei der letzten Landtagswahl von anderen Themen wie dem Heizungsgesetz und der Migrationspolitik überlagert“, klagt Gross.

Seit 2001 betreibt die Fachanwältin für Arbeits- und Sozialrecht eine eigene Kanzlei. Sie hat diverse Ehrenämter inne und ist froh, wenn sie mal an einem Sonntag frei hat. Die Stadt- und Kreisrätin hat keine eigenen, aber drei Patenkinder und engagiert sich in einem Förderverein für das Jugendzentrum und im Verein „Keine Gewalt gegen Frauen.“ Sie betont: „Frauenpolitik ist mir besonders wichtig.“

Insbesondere bei der Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen müsse mehr geschehen. „Da sind wir hinten dran.“ Sie verweist auf den Mangel an freien Plätzen in Bayerns Frauenhäusern. „Jeden Tag stirbt eine Frau durch Gewalt. Wir dürfen nicht wegsehen, müssen beherzter handeln.“ Es brauche zudem mehr Frauen in den Parlamenten. Bei der Landtags-SPD sind derzeit zehn von 17 Mitgliedern Frauen. Andere Parteien sollten sich daran ein Vorbild nehmen, findet Gross. (Tobias Lill)

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