Leben in Bayern

Im niederbayerischen Landshut steht das größte barocke "Heilige Grab" Deutschlands - allerdings wird es gerade renoviert. (Archivbild: dpa)

11.04.2017

Heiliger Augenschmaus

In der Karwoche erleben prachtvoll geschmückte Heilige Gräber in Süddeutschland eine Renaissance. Eines der spektakulärsten öffnet nur alle drei Jahre, das Heilige Grab in der Stiftskirche des Klosters Höglwörth im Chiemgau. Dieses Jahr ist es wieder soweit

Das schöne Kirchlein des Klosters Höglwörth im Chiemgau wird an diesem Karfreitag wieder zum Schauplatz eines ganz besonderen Ereignisses. Der abgedunkelte Kirchenraum ist dann in ein mystisches Dämmerlicht getaucht, erhellt nur vom flackernd-bunten Schein der Schusterkugeln. Der ganze Altarraum ist ausgefüllt von einer Art Bühne mit dem Leichnam Christi als Mittelpunkt. Davor ein Blumenmeer; ein Brunnen plätschert, er soll an den Garten Gethsemane erinnern, wo Christus in der Nacht vor seiner Kreuzigung betete, verraten und verhaftet wurde. Nur alle drei Jahre bauen sie in Höglwörth das in der ganzen Region berühmte Heilige Grab auf, die frommen Mitglieder des Vereins zur Erhaltung des Heilgen Grabes Höglwörth. Warum nicht jedes Jahr, wo doch auch heuer wieder Tausende von Besuchern erwartet werden? "Das wäre einfach zu viel Arbeit", sagt der Vereinsvorsitzende Hans Fegg. Schließlich müssen ein Holzgerüst aufgebaut und daran die Kulissen gehängt werden, die die Grabeskirche in Jerusalem darstellen. Es müssen Dutzende Glaskugeln mit gefärbtem Wasser gefüllt und platziert werden - hinter jeder ein brennendes Öllämpchen. Und natürlich der auf eine Leinwand gemalte Leichnam Christi in der Grabeshöhle, über dem sich ein Sonnenrad mit tanzenden Engeln dreht. Wenn das Grab am Karfreitag und Karsamstag geöffnet ist, gibt es regelmäßige Andachten, zum Teil mit Musik. Fast eine Woche lang sind die Vereinsmitglieder damit ausgelastet. Die zahlreichen Heiligen Gräber in Süddeutschland und Tirol sind Zeugen einer uralten, österlichen Tradition. Weil die meisten Menschen nicht selbst zum Grab Christi nach Jerusalem pilgern konnten, schuf man sich zu Hause selbst Heilige Gräber, um sie in der Karwoche anzubeten und in der Osternacht die Auferstehung des Herrn von den Toten zu feiern. In Zeiten der Gegenreformation war heiliges Spektakel zur Erhebung der zweifelnden Seelen besonders angesagt. In der Säkularisation wurde diese Art der Volksfrömmigkeit verboten, erlebte im 19. Jahrhundert eine Renaissance und fiel nach der Liturgiereform des Zweiten Vatikanums abermals der Vergessenheit anheim. Doch in unruhigen Zeiten wie den heutigen zählt Tradition wieder, was auch für die Heiligen Gräber gilt.  

Auf Dachböden wurden viele alte Requisiten wiederentdeckt

In vielen Pfarreien wurden auf den Dachböden der Kirchen oder in Speichern die alten Requisiten wiederentdeckt, restauriert und präsentiert. "Es gib sogar ganz moderne Heilige Gräber", sagt Christoph Kürzeder, Direktor des Diözesanmuseums in Freising. Die meisten stammten jedoch aus der Barockzeit, wo die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Tod eine zentrale Bedeutung hatte. Zuweilen sei in den Kulissen der Heiligen Gräber regelrechtes Theater inszeniert worden, sagt Kürzeder. Theatrum sacrum - heiliges Theater. Die Amtskirche hat ein eher gespaltenes Verhältnis zum Volksglauben, wegen seiner heidnischen Elemente und weil er tendenziell der episkopalen Kontrolle zu entgleiten droht. Andererseits eröffneten Traditionen wie die der Heiligen Gräber die Möglichkeit, schwer verständliche biblische Inhalte "vor Augen" zu führen, sagt ein Sprecher des Erzbischöflichen Ordinariats in München. Dann mischten sich Traditionspflege, kunsthistorisches Interesse und Spiritualität zu einer Möglichkeit, Glauben zu erfahren. Die Erzdiözese hat im Internet eine virtuelle Tour zu fast 200 Heiligen Gräbern zusammengestellt. Eines der berühmtesten Heiligen Gräber neben Höglwörth ist das sogenannte Kulissengrab von Rottach-Egern. 15 Jahre hatte es nach der Wiederentdeckung im Jahre 1995 gedauert, bis die Kostbarkeit für mehr als 300 000 Euro restauriert war und wieder aufgestellt werden konnte. Die gemalten Prospekte stammen von Joseph Ignaz Schilling (1702-1773), ehemals Hoftheatermaler zu München. In solchen barocken Kulissengräbern konnte man unterschiedliche figürliche Szenen zu Leidensweg und Wiederauferstehung Christi drapieren oder sogar richtiges, lebendiges Passions-Theater spielen. 

Wird restauriert: In Landshut bleibt das Heilige Grab heuer im Depot

Dieses Jahr wird es allerdings nicht zu sehen sein, wie auch das angeblich größte Heilige Grab Bayerns in Landshut, das wegen Restaurierung der dortigen Jesuitenkirche im Depot bleibt. Ein besonders schönes Grab findet sich auch in Gaißach bei München. Und wer den Weg über die Tiroler Grenze nicht scheut, kann in der Franziskanerkirche zu Schwaz im Inntal eines der spektakulärsten Heiligen Gräber im süddeutschen Raum überhaupt bewundern. Eine weitere Kostbarkeit unter den Heiligen Gräbern findet sich in Aschau im Chiemgau. Es wurde Ende des 18. Jahrhunderts geschaffen und 1951 zum vorläufig letzten Mal im Altarraum der Pfarrkirche "Zur Darstellung des Herrn" aufgebaut. Mit seinen Ausmaßen von sieben Metern Breite, zehn Metern Höhe und acht Metern Tiefe auf drei "Stockwerken", gekrönt von 140 Glaskugeln, zählt es zu den bedeutendsten Kulissengräbern Bayerns. Zur Zeit wird mit beträchtlicher finanzieller Hilfe der Erzdiözese restauriert. Der Überlieferung nach waren die Aschauer Aufführungen am Spätnachmittag eines jeden Karsamstags, zu denen Menschen aus nah und fern pilgerten, spektakulär: Mit ohrenbetäubendem Knall versank der Leichnam Christi, die Ketten zerrissen, die Grabwächter verschwanden durch eine Art Hintertür und unter bengalischem Feuer wurde die Figur des Auferstandenen an die Spitze des Heiligen Grabes gezogen. 2019 soll es wieder so weit sein. (Georg Etscheit, dpa)

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