Kleine türkische Flaggen wehen am Wittelsbacherplatz in München. „Freie Justiz“ steht auf einem Plakat, auf anderen Plakaten steht „basin özgürlü“ (Pressefreiheit) und „adalet“ (Gerechtigkeit). Mehrere Organisationen der türkischstämmigen Community haben zu der Demonstration aufgerufen, um gegen die Festnahme des Istanbuler Bürgermeisters Ekrem İmamoğlu zu protestieren. Hunderte sind gekommen. Sie wollen ein Zeichen der Solidarität mit dem großen Hoffnungsträger der Opposition für die nächste Präsidentschaftswahl setzen. Es ist freilich kein Vergleich zu den Massendemonstrationen in der Türkei, bei denen anhaltend Hunderttausende für İmamoğlus Freilassung demonstrieren.
Der Schuldige ist aber für die Protestierenden hüben wie drüben ganz klar Recep Tayyip Erdoğan, der türkische Staatspräsident. Er soll, so der Vorwurf, die Justiz vorgeschoben haben, um sich eines Konkurrenten für die Wahl in drei Jahren zu entledigen. İmamoğlu wurde wegen des Verdachts der Korruption und der Terrorunterstützung in Untersuchungshaft genommen. Seine Partei, die CHP, und alle anderen, die sich für ihn einsetzen, halten die Vorwürfe für konstruiert. Die CHP kürt İmamoğlu kurz nach seiner Inhaftierung zu ihrem Präsidentschaftskandidaten.
„Unsere Mitglieder sind geschockt“
Auch Vural Ünlü protestiert am Wittelsbacherplatz mit. Der Münchner Betriebswirt ist Vorsitzender des liberalen und säkularen Vereins Türkische Gemeinde in Bayern. „Unsere Mitglieder sind geschockt über die Eskalation in der Türkei“, sagt Ünlü. „Ich sehe die Türkei am Beginn einer Diktatur.“ Ünlü ist in der Türkei geboren, lebt aber schon lange in Deutschland und besitzt sowohl die deutsche als auch die türkische Staatsbürgerschaft. Ein Großteil seiner Familie lebt noch in der Türkei. „Die sind am Verzweifeln“, sagt er.
Generell seien die Vorzeichen für das Land nicht gut, findet Ünlü. „Die Perspektivlosigkeit der Jungen, der Braindrain, das alles nimmt einen schon mit.“ Zusammen mit den aktuellen Geschehnissen ergebe das eine explosive Mischung. Ein Funke reiche, dann könne es zur großen Explosion kommen – was dann auch Auswirkungen auf die türkischstämmige Community in Deutschland hätte, fürchtet der Münchner.
Momentan sei die Lage hier aber ruhig, sagt er. Die Erdoğan-Fans, überwiegend konservativ und religiös, hielten sich mit öffentlichen Bekundungen zurück. „Die feiern den Coup leise.“ Wohl wissend, dass Erdoğan hierzulande nicht sonderlich beliebt ist. Aber auch im Bewusstsein, dass die Anhängerinnen und Anhänger des Präsidenten und seiner Partei AKP in Deutschland klar in der Mehrheit sind.
Auch in Nürnberg gab es nach İmamoğlus Festnahme eine Kundgebung von Erdoğan-Gegnern. Ibrahim Altunkaymak nahm daran teil. Die Veranstaltung ging ohne Konflikte über die Bühne, erklärt der Vorsitzende des liberalen Alevitischen Kulturzentrums in Nürnberg. „Es gab nur zwei, drei Jugendliche, die ,ihr Terroristen!‘ gerufen haben. Aber wir haben dann gesagt: Geht ganz ruhig weiter.“ Und so blieb alles friedlich.
Mit dem Protest in Deutschland wolle man den Druck auf die deutsche Politik erhöhen, auf die türkische Regierung einzuwirken, sagt Altunkaymak. „Aber die Quelle ist die Türkei, da muss was geschehen.“ Er habe allerdings wenig Hoffnung. Erdoğan sei ein „demokratisch gewählter Diktator“, der das Land ins Chaos stürzen wolle. Der türkische Präsident wisse, dass İmamoğlu ihm gefährlich werden könnte. Schließlich gehöre dieser wie Erdoğan den Sunniten an, der größten islamischen Glaubensrichtung. Er sei dementsprechend für viele religiöse Menschen eine Alternative.
Auch den Aleviten, einer besonders liberalen und oft diskriminierten Glaubensrichtung, habe İmamoğlu die Hand gereicht. Die Aussicht auf mehr Anerkennung stimme ihn froh. „Aber wir sind ehrlich gesagt auch sehr glücklich darüber, nach Deutschland ausgewandert zu sein, weil wir hier Religionsfreiheit und Unabhängigkeit gefunden haben“, sagt Altunkaymak, der auch nur die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt.
„Wir stehen voll hinter unserem Präsidenten“
So zurückhaltend sie im öffentlichen Raum gerade sind: In den sozialen Netzwerken äußern sich die Erdoğan-Fans deutlich. „Wir stehen voll und ganz hinter unserem Präsidenten“, teilt ein Münchner Deutschtürke in einem Kommentar zu einem Artikel über die Türkei mit. Viele andere pflichten ihm bei. Erdoğan, so ein anderer Nutzer, sei ein „Gamechanger“, der weltpolitisch in der ersten Liga spiele. İmamoğlu dagegen, kommentiert ein weiterer Nutzer, sei „unfähig und korrupt“.
Da will Serdal Altuntaş nicht widersprechen. Ganz im Gegenteil. „Für viele kommt das nicht überraschend. Die sagen: Ja, ja, da ist was dran“, erklärt Altuntaş. Der im mittelfränkischen Forchheim geborene Jurist ist Vertrauensanwalt des türkischen Generalkonsulats in München. Eine gewisse Nähe zum türkischen Staat ist also nicht von der Hand zu weisen. Doch Altuntaş betont, kein AKP-Anhänger zu sein. „Ich gehe nicht davon aus, dass die Regierung besser ist, Korruption gehört in der Türkei leider dazu“, erklärt Altuntaş. Und es gebe zumindest einen Anfangsverdacht, dass İmamoğlu, der sich immer als Saubermann präsentiert habe, korrupt sei. Insofern habe die türkische Justiz einfach nur ihren Job gemacht.
Altuntaş verweist auf die Verurteilung der Rassemblement-National-Chefin Marine Le Pen wegen Veruntreuung in Frankreich. Da sei es nur um 700.000 Euro gegangen. Bei İmamoğlu stünden dagegen ganz andere Summen im Raum, sagt Altuntaş. Auch in der Türkei seien die Richter unabhängig. „Wieso hat man nicht mehr Respekt vor der Justiz?“
Die bayerische Landtags-SPD und viele Medien hätten sich in Deutschland mit ihren Aussagen sehr weit aus dem Fenster gelehnt. Die Festnahme İmamoğlus und weiterer 100 Oppositionspolitiker sei ein „brutaler Angriff auf die Demokratie“, hatte der europapolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Markus Rinderspacher, erklärt. „Was passiert, wenn sich İmamoğlu tatsächlich als schuldig herausstellt?“, fragt Altuntaş. Werde man sich dann bei der Türkei entschuldigen? Auch bei den NSU-Morden habe man türkische Menschen vorverurteilt, die sich später als Opfer erwiesen hätten. Altuntaş’ Fazit: „Man hat nichts dazugelernt.“
Ditib ist die größte sunnitisch-islamische Organisation in Deutschland. Der Verband wird vom staatlichen Präsidium für religiöse Angelegenheiten der Türkei kontrolliert. Kritiker sagen, Ditib sei der verlängerte Arm von Erdoğans AKP-Partei in Deutschland. Doch Oğuz Taşdelen, Geschäftsführer der Ditib-Jugend Bayern, widerspricht. Ditib sei ein überparteilicher, unpolitischer Moscheeverband. Die Hauptverbindung zur Türkei sei, dass die Imame, die Religionsgelehrten, von dort nach Deutschland entsandt würden.
„Doch die Imame kümmern sich nur ums Religiöse, nicht ums Politische“, sagt Taşdelen, der übrigens nicht verwandt mit dem SPD-Landtagsabgeordneten Arif Taşdelen ist. Natürlich könne er nicht für jeden Imam seine Hand ins Feuer legen, aber grundsätzlich halte Ditib sich mit politischen Aussagen zurück.
In der Ditib-Jugend, der Nachwuchsorganisation, sei die aktuelle Situation in der Türkei auch kein Thema gewesen, versichert Taşdelen. „Ganz ehrlich. Vieles, was in der Türkei geschieht, ist hier kein Thema. Wir fokussieren uns eher auf die Politik hier in Deutschland.“ Schließlich seien auch viele Mitglieder Deutsche. Taşdelen selbst besitzt die deutsche und die türkische Staatsbürgerschaft.
„Die Türkei? Ist hier kein Thema“
Dass einige Verbände der türkischen Community in München, dem Sitz seines Landesverbands, demonstrierten, das höre er jetzt zum ersten Mal, sagt Tasdelen. „Wir hatten da den Ramadan-Endspurt, da waren wir mit etwas ganz anderem beschäftigt.“
Die größten Probleme, die er in Deutschland sehe, seien antimuslimischer Rassismus und Vorbehalte gegenüber „muslimisch gelesenen Menschen“. Oft reiche schon, dass jemand aussieht, als käme er aus einem muslimisch geprägten Land. „Und das kommt nicht nur von der AfD, das wäre zu einfach“, sagt Tasdelen. Von links außen bis rechts außen gebe es die Vorbehalte. Er wünsche sich mehr Anerkennung für die Muslime in Deutschland. Da würden ihm die anderen, bei allen politischen und religiösen Differenzen, sicher zustimmen. (Thorsten Stark)
Kommentare (0)
Es sind noch keine Kommentare vorhanden!