"Von guten Mächten" - dieses vertonte Gedicht von Dietrich Bonhoeffer hat schon vielen Menschen Trost gespendet. Es sind seine bekanntesten Worte, man hört sie auf Trauerfeiern und liest sie in Todesanzeigen. Geschrieben hat er die Zeilen Ende 1944 in Gestapo-Haft. Wenige Monate später stirbt Bonhoeffer am 9. April 1945 im Konzentrationslager Flossenbürg.
80 Jahre nach seinem Tod ist das Gedenken jedoch überschattet: Experten hierzulande sind besorgt darüber, dass Bonhoeffer vor allem in den USA vereinnahmt wird. US-amerikanische Rechtspopulisten aus Teilen des evangelikalen Milieus, die zugleich entschiedene Unterstützer von Präsident Donald Trump seien, "haben Bonhoeffer für ihre politischen Ziele gekapert", sagt der frühere bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm. "Da wird der gewaltsame Sturm aufs Kapitol mit Bonhoeffers Gedanken zum Widerstand gegen Hitlers Unrechtsregime gerechtfertigt. Das ist völlig absurd."
Nach der Morgenandacht nach Flossenbürg
Der evangelische Theologe Bonhoeffer, 1906 in Breslau geboren, engagiert sich im Widerstand gegen die Nationalsozialisten. "Er hat motiviert durch seinen christlichen Glauben, er war im Widerstand gegen Hitler und hat dieses Engagement letztendlich mit seinem Leben bezahlt. Das ist eine Lebensgeschichte, die viele Menschen beeindruckt", sagt der Erlanger Professor und Vorsitzende der Internationalen Dietrich-Bonhoeffer-Gesellschaft, Florian Höhne.
In Flossenbürg, dem KZ, in dem er später sterben sollte, verbringt Bonhoeffer nur wenige Stunden. Im April kommen Sonderhäftlinge aus Buchenwald in Weiden an, ein Teil wird nach Flossenbürg weitertransportiert, wie Jörg Skriebeleit, Chef der KZ-Gedenkstätte, erzählt. "Bonhoeffer wird aber in Weiden zunächst vergessen. Er landet im Bayerischen Wald. In Flossenbürg wird registriert, dass jemand fehlt. Die SS findet ihn schließlich in Schönberg im Schulhaus, wo er am Morgen des 8. April, dem weißen Sonntag, noch eine Morgenandacht gefeiert hat."
In den frühen Abendstunden komme Bonhoeffer schließlich in Flossenbürg an. "In der Kommandantur wird ein Standgerichtsverfahren abgehalten. Das ist absurd, das hat mit Rechtsprechung nichts zu tun. Am 9. April folgt dann der letzte Akt der Entwürdigung, die Hinrichtung."
"Letzter Akt der Rache"
Die Hinrichtung von Regime-Gegnern kurz vor Ende des Krieges sei ein bewusst geplanter Akt gewesen, es traf auch Georg Elser in Dachau oder Hans von Dohnanyi in Sachsenhausen. Es habe einen Führerbefehl gegeben: "Das Regime räumt auf, es war ein letzter Akt der Rache."
Die jetzige Rezeption Bonhoeffers vor allem in bestimmten Kreisen in den USA sieht Skriebeleit mit Sorge. Als Gedenkstättenleiter habe er Kontakt mit der Familie Bonhoeffers und auch mit anderen Nachfahren von Widerständlern, die am 9. April 1945 ermordet wurden. "Die Familien sind alarmiert."
Aufgabe der Gedenkstätte sei es nicht nur, an die Person zu erinnern, sich mit dem Erbe Bonhoeffers zu beschäftigen, sondern auch auf die Brüche und Instrumentalisierungen hinzuweisen. "Es geht um eine kritische Auseinandersetzung."
In den USA sei Bonhoeffer, vor allem durch die Biografie von Eric Metaxas, "zugerichtet und umgedeutet" worden als Opponent gegen das Böse. Und das Böse sei aus evangelikaler Sicht eine liberale Politik, was unter "Wokeness" zusammengefasst werde, sagt Skriebeleit. Auch Bonhoeffers USA-Aufenthalt passe nicht in dieses verzerrte Bild: Er sei damals zum Beispiel in Harlem gewesen, habe sich bewusst mit Persons of color und deren Situation beschäftigt.
"Nichts wäre ihm fremder als Weltflucht"
"Wir haben gerade im vergangenen Jahr einige Vereinnahmungen von Bonhoeffer durch christliche Nationalisten erlebt", sagt Höhne: Der totalitäre nationalsozialistische Staat werde dabei parallelisiert mit einer offenen, demokratischen Gesellschaft. "Und vor dem Hintergrund dieser Parallelisierung schien es dann möglich, Bonhoeffer zu vereinnahmen für die Sache christlicher Nationalisten." Die Bonhoeffer-Gesellschaft wende sich entschieden gegen diese Vereinnahmung.
Bonhoeffer war ein Pfarrer, der sich nicht nur auf die spirituelle Ebene des Glaubens verlassen hat, der tätig wurde. Bedford-Strohm sagt dazu: "Bonhoeffer hat immer wieder eingeschärft, dass ich mich nicht auf Gott einlassen kann, ohne mich radikal auf die Welt einzulassen. Nichts wäre ihm fremder als fromme Weltflucht."
Die Figur Dietrich Bonhoeffer könne auch heute den Menschen viel sagen. "Bonhoeffers Leben war ein kurzes Leben, das auch viel Leid gesehen hat. Aber es war ein erfülltes Leben und es hat viele Menschen inspiriert. Man kann daraus lernen, dass Zivilcourage, das Eintreten für Andere, insbesondere für besonders Verletzliche, zwar Nachteile bringen kann. Sie wiegen aber viel weniger als das Gefühl, etwas Sinnerfülltes zu tun", sagt Bedford-Strohm.
Bonhoeffer sei Heldenverehrung fremd gewesen. "Aber Vorbild, Inspiration, Kraftquelle kann Bonhoeffer ganz bestimmt heute sein." (dpa)
Kommentare (0)
Es sind noch keine Kommentare vorhanden!