Weil in Bayern sehr viel Sonnenstrom produziert wird, müssen die Photovoltaikanlagen immer wieder mal abgeregelt werden, damit das Stromnetz nicht überlastet wird. Deshalb ist ein Ausbau der Netze unabdingbar und muss schneller gehen.
BSZ: Herr Stümpfig, wenn der Wind ordentlich weht und die Sonne scheint, wird in Bayern viel zu viel Ökostrom produziert. Anlagen müssen abgeschaltet werden, damit die Sicherungen nicht durchbrennen. Wann kommt es zum Blackout?
Martin Stümpfig: Sonne und Wind erzeugten letztes Jahr über 60 Prozent unseres Strombedarfs. Das ist hervorragend – für das Klima und zunehmend auch für unsere Strompreise. Die Tage im Jahr, in denen die Sonne voll scheint und gleichzeitig kräftig Wind weht, kann man an einer Hand zählen. In Bayern haben wir aber eine maximal einseitige Fixierung auf Solarenergie und eine Vernachlässigung der Windkraft. So haben wir an sonnigen Tagen zunehmend das Problem, dass zu viel Solarstrom geliefert wird und die Anlagen abgeregelt werden müssen. Die Gefahr eines Blackouts wird aber nach allen Gesprächen, die ich mit Fachleuten geführt habe, als sehr gering eingeschätzt.
BSZ: Wer hat diese kritische Stromerzeugungslage provoziert?
Stümpfig: In den Jahren 2014 und folgende hat die bayerische Staatsregierung sehr stark den Leitungsausbau infrage gestellt und die HGÜ-Leitungen wurden als Monstertrassen betitelt. Ergebnis ist heute eine jahrelange Verzögerung beim Übertragungsnetzausbau und auch beim Verteilnetzausbau. Mit dem deutschlandweit positiven Ausbau gerade der Photovoltaik in Bayern durch Hausbesitzer und Investoren kann das Netz nicht Schritt halten. Jahrelang wurde hier zu wenig getan, auch wenn jetzt die Zeichen der Zeit erkannt wurden. Leider beschränkte sich aber der Zubau an erneuerbaren Energien im Jahr 2024 in Bayern zu 99 Prozent auf Photovoltaik. Wir haben heute 26 Gigawatt PV-Leistung installiert – aber nur 2,6 Gigawatt Windkraft. Das Verhältnis sollte 1:1 sein und nicht 10:1. Die Blockade der Windkraft durch die Staatsregierung war und ist hier maximal schädlich.
BSZ: Wie viele Anlagen mussten abgeschaltet werden?
Stümpfig: Deutschlandweit wurden Photovoltaikanlagen in einer Größenordnung von 1,3 Terawattstunden abgeregelt. Über 70 Prozent der Abregelung entfällt auf bayerische Anlagen. Und die starke Zunahme im Vergleich der Jahre 2023 und 2024 geht nahezu zu 100 Prozent auf das Konto von Bayern. Die Staatsregierung sonnt sich in den Zahlen der installierten Leistung – aber wenn der Strom nicht ins Netz kommt, hilft er niemandem. Wir brauchen eine Verstärkung und Ertüchtigung unserer Stromnetze. Die sehr guten 25 Ausbaumaßnahmen im Verteilnetz aus dem Jahr 2021, die von einer Arbeitsgruppe von Netzbetreibern, der Wirtschaft und der Arbeitsebene des Wirtschaftsministeriums erarbeitet wurden, sind in der Schublade verstaubt und mussten wohl den Wasserstoff-Träumen des Ministers Platz machen.
Sonne und Wind ergänzen sich hervorragend
BSZ: Ältere, private PV-Anlagen lassen sich kaum abschalten, also geht es immer zulasten der Windkraftanlagen. Ist das sinnvoll?
Stümpfig: Nein, das kann man so nicht sagen. Sonne und Wind ergänzen sich hervorragend. Wenn viel Wind weht, scheint selten die Sonne und umgekehrt. Und die Windkraft spielt ihre Stärke vor allem im Winterhalbjahr aus. Wenn wir es steuern könnten, könnten wir es oft nicht besser machen. Aber die Verteilung muss halt passen – nicht 10:1 wie in Bayern. Da haben wir im Sommer oft zu viel und im Winter immer zu wenig. Aber speziell die kleinen Dachanlagen sind auch sehr gut, da im Haus bereits ein gutes Netz vorhanden ist und der erzeugte Strom zu einem größeren Teil direkt im Haus genutzt werden kann. An sonnigen Feiertagen im Sommer, wenn alle Maschinen in den Fabriken stillstehen und kaum Strombedarf besteht, müssen die Anlagen dann eben abgeschaltet werden.
BSZ: Warum werden nicht viel schneller Umspannwerke gebaut, um den Ökostrom über das Hochspannungsnetz abzutransportieren?
Stümpfig: Leider wurde gerade durch die Staatsregierung der Leitungsausbau zu lange blockiert. Und auch heute werden „Wünsch-dir-was“-Vorstellungen verbreitet. Ein klarer Fokus auf Freileitungen würde die Bauzeit im Gegensatz zu Erdkabeln um den Faktor 2 bis 3 beschleunigen und die Kosten um den Faktor 10 reduzieren. Das würde sich auch positiv auf zukünftige Strompreise auswirken. Ministerpräsident Söder drückt sich aber um so eine klare Aussage. Umspannwerke sind nun zunehmend geplant – aber der lange Dornröschenschlaf ist nicht so schnell aufzuholen.
BSZ: Wieso geht es mit Stromspeichern so langsam voran? Batteriespeicher sind zwar hilfreich, haben aber eine viel zu geringe Kapazität für die Speicherung der Ökostromüberschüsse.
Stümpfig: Als ich 2013 in den Landtag kam, wurde kurz darauf eine Studie zu Pumpspeichern vorgestellt mit 16 sehr gut geeigneten Standorten. Als bei dem einen oder anderen Projekt gleich Protest aufkam, wurde die Studie nie mehr aufgegriffen. Auch hier zeigt sich ein mangelnder Wille zur Energiewende. Ja, es sind oft keine einfachen Entscheidungen. Aber wer sich drückt, verschiebt nur die Probleme, die dann immer größer werden. Batteriespeicher sind heute eine gute und immer günstigere Stütze für das Stromnetz. Unsere Verteilnetzbetreiber sollten aber den Großspeicherbetreibern nicht durch millionenteure Baukostenzuschüsse die Lust nehmen, zu investieren.
Elekrolyseure werden einen wichtigen Beitrag leisten
BSZ: Können Elektrolyseure zur Umwandlung von Ökostrom in Wasserstoff eine Speicheralternative sein? Schließlich könnte so viel mehr Strom gespeichert werden.
Stümpfig: Ja, auch Elekrolyseure werden zukünftig einen wichtigen Beitrag leisten können, die Spitzen von Sonne und Wind sinnvoll zu nutzen. Derzeit sind die Kosten für diese Form der Speicherung noch sehr hoch. Und gerade in Bayern kämen die Elektrolyseure nur auf wenig Laufzeiten, da die Solarspitzen dann doch nur in 200 bis maximal 300 Jahresstunden auftreten. Die anderen 8500 Jahresstunden würden sie nur teuer rumstehen. Aber auch Lastverschiebung, also dann Strom zu verbrauchen, wenn er im Übermaß vorhanden und günstig ist, wäre eine wichtige und zudem günstige Form der Reaktion auf die Erzeugungsspitzen. Mit der Digitalisierung und dem zunehmenden Einbau von intelligenten Stromzählern, sogenannte Smart Meter, kann man seinen Verbrauch auf Erzeugungsspitzen ausrichten. Dann kostet der Strom auch sehr wenig. Wenn man es zum Beispiel schaffen würde, nur dann sein Auto zu laden, wenn der Preis günstig ist, könnte man die Hälfte der Ladekosten sparen. Alles zusammen wird eine krisenfeste, günstige und klimafreundliche Stromwelt entstehen. Gerade sind wir auf dem Weg dorthin und manchmal ist es da noch stolperig. Aber das ist alles zu meistern.
BSZ: Was fordern Sie ganz konkret von der Staatsregierung?
Stümpfig: Die Staatsregierung muss sich erst mal klar dazu bekennen, dass die Energiewelt der Zukunft erneuerbar ist. Mit dem Steinkohlekraftwerk Zolling ist vor drei Wochen das letzte bayerische Kohlekraftwerk vom Markt gegangen. In der neuen Stromwelt geben Sonne und Wind den Takt an. Wer noch mithalten will, muss hochflexibel sein und in die Lücken gehen. Kohle tut sich hier verdammt schwer, Atomkraft kann das überhaupt nicht. Das wäre der erste Schritt sich mal ehrlich zu machen und die sinnlose Diskussion mit dem Zurück zur gefährlichen und teuren Atomkraft zu beenden.
Windkraft tatkräftig ausbauen
BSZ: Ist das alles?
Stümpfig: Zum Zweiten gilt es die Windkraft nun tatkräftig auszubauen. In wenigen Planungsverbänden haben wir einen guten Fortschritt bei der Ausweisung von Vorranggebieten. In der Mehrzahl aber noch gar nicht. Die Staatsregierung muss eine Frist setzen, dass bis Sommer 2026 alle Planungsverbände 1,8 Prozent ihrer Fläche als Vorranggebiete auszuweisen haben. Und noch etwas brauchen wir.
BSZ: Was wäre das?
Stümpfig: Wir brauchen einen Masterplan Stromnetze. Einige Punkte haben ich schon genannt. Umsetzung der eigenen 25 Maßnahmen aus dem Arbeitspapier Verteilnetze, Pumpspeicher anpacken und Gespräche mit Verteilnetzbetreibern regelmäßig führen, um aus den bestehenden Netzen das Beste rauszuholen und den Ausbau zu beschleunigen. Es gibt viele Punkte, die bekannt sind. Bisher fehlt der Staatsregierung die Entschlossenheit und der Wille, auch mal harte Bretter zu bohren. Ohne das wird die Energiewende aber nicht gelingen.
(Interview: Ralph Schweinfurth)
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